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Aargauer Zeitung, 02.02.2005

Von E.P.
«Geh in Freiheit, komm in Freiheit»

Aarau - Der tschetschenische Dichter Apti Bisultanov gab im Forum für Zeitzeugen Einblick in sein Heimatland

Vor einem interessierten Publikum las Apti Bisultanov im Forum für Zeitzeugen aus seinem Gedichtband «Schatten eines Blitzes». Die Lesung war die letzte Station seiner erfolgreichen Lesereise, die als Begleitveranstaltung zur Ausstellung tschetschenischer Kinderzeichnungen im Kulturhaus Helferei, Zürich, konzipierte war.

Die Leiden des tschetschenischen Volkes, die Kriege aus Jahrhunderten, die Deportation unter Stalin und schliesslich die Tragödie des jetzigen Kriegs - diese Ereignisse sind Stoff vieler Gedichte. Doch im Gedichtband von Apti Bisultanov gibt es auch noch andere Gedichte, die sich mit dem Wesen des Menschen überhaupt auseinander setzen.

Von Beruf Redaktor und Lektor, war Apti Bisultanov im ersten Tschetschenien-Krieg noch Dichter geblieben. Als 1999 jedoch der zweite Tschetschenien-Krieg ausbrach, schloss er sich den Kämpfern an, bis er drei Jahre später sein Land verliess. Bisultanov lebt heute in Berlin. Er gilt als der bedeutendste tschetschenischer Dichter der Gegenwart.

Dennoch: Fast visionär tauchen in der Ausstellung auch Bilder von sonnendurchfluteten Landschaften, grünen Wiesen und blühenden Bäumen auf – ein Stück heile Welt, das offenbar in den Seelen der Kinder weiterlebt. Diese Hoffnung, dass das Menschliche nicht untergeht, ist in der Ausstellung, trotz allem, zu spüren. Sie ist damit nicht nur eine Dokumentation über den wenig wahrgenommenen Krieg in Tschetschenien, sondern auch ein Aufruf zum grundsätzlichen Nachdenken über Krieg und Frieden.

Schon seit seiner Kindheit hatte sich Apti Bisultanov der Dichtkunst hingegeben. Die Geschichte seiner Familie ist vom Trauma der Deportation geprägt.

Bei lebendigem Leib verbrennt

Die Deportation ist auch das Thema des längsten Gedichtes in dem Band, das den Titel «Chaibach» trägt. Auswendig rezitierte Bisultanov das Poem. Eindrücklich die Laute der Sprache. Auch wenn man von dieser fremdartigen, wundersamen Sprache kein Wort versteht, kann man sich ihrem Reiz nicht entziehen. Wortwiederholungen, Reime und eine dramatische Entwicklung waren für die Anwesenden sofort erkennbar. Chaibach ist der Name eines Dorfs und steht für eines der grausamsten Verbrechen jener Zeit. Im Februar 1944 lag in den Bergen hoher Schnee, sodass die Deportation des Dorfs Chaibach nicht möglich war. Der Kommandant liess daraufhin 700 Dorfbewohner in einen Stall sperren, um sie bei lebendigem Leib zu verbrennen. Doch der Abend war nicht nur von Krieg und Tod geprägt. Als ein brillanter Vermittler tschetschenischer Traditionen führte Apti Bisultanov die Zuhörer in die Kultur des Kaukasus. An den Grussworten «Komm in Freiheit», «Geh in Freiheit» veranschaulichte er die Liebe und den Drang zur Freiheit. Im Unterschied zu ihren Nachbarn hatten die Tschetschenen nie Fürsten, Könige und einen Hofstaat, nie feudale Strukturen. Sie lebten in einem losen Sippenverband als freie Bauern auf freiem Grund.

Religion trennt Völker nicht

Unter dem Publikum befand sich auch Konstantin Gamsachurdia, der Sohn des ermordeten georgischen Präsidenten, der in Grosny beerdigt ist. Obwohl Georgien ein christliches Land sei, seien Kultur und Traditionen in den beiden Ländern sehr ähnlich, führte er in der Diskussion aus. Ein Beispiel, dass Religion kein trennendes Element zwischen Völkern sein muss. (E. P.)

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