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FriZ 3/2003 (Zeitschrift für Friedenspolitik)

Vor drei Jahren haben Elisabeth und Andreas Petersen das "Forum für Zeit-Zeugen/Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen" gegründet. Neben ihrer Lehrtätigkeit investieren sie viel Zeit und Energie in ihr Projekt und fördern damit politisches Bewusstsein in Schule und Öffentlichkeit. Von Christa Zopfi

Zeitzeugen zu Wort kommen lassen

"Der Tag müsste 48 Stunden haben", sagt Elisabeth Petersen, Berufsschullehrerin und Juristin. Vor drei Jahren hat sie zusammen mit ihrem Mann Andreas Petersen das Forum für Zeitzeugen/Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen gegründet, einen Verein, der "geschichtliches, kulturelles und politisches Verständnis fördern und Traditionen pflegen will". Als Lehrer für Deutsch und Geschichte an der Alten Kantonsschule Aarau hat Andreas Petersen schon immer Zeitzeugen eingeladen, die in den Klassen über ihre Erfahrungen berichteten. Die SchülerInnen fühlen sich direkt angesprochen und können über das emotionale Erlebnis komplizierte Sachverhalte verstehen. "Der Mensch als solcher ist ein Erlebnis", fügt Andreas Petersen bei. Die Begegnungen beleben den Geschichtsunterricht und wecken das Interesse für andere Länder, deren Bevölkerung und deren Kultur.

Elisabeth Petersen wollte diese Kontakte weiter nutzen und schlug vor, das Forum für Zeitzeugen zu gründen. Sie ist geprägt durch ihre Kindheit, denn sie hat am eigenen Leib erfahren, was Diskriminierung und Ausgrenzung heisst. Ihre Eltern stammten aus Oberschlesien und wurden als Flüchtlinge in einem kleinen Dorf in Bayern abgesetzt. Obwohl sie deutsch sprachen, wurden sie als Polaken oder Zigeuner bezeichnet und schlecht behandelt, mussten während Jahren auf kleinstem Raum hausen und Not leiden. "Wir waren Jäger und Sammler, suchten Beeren und Blüten für Tee, Gras für unsere Kaninchen und andere Tiere." Später, als sich der Vater in der Fabrik zum Vorgesetzten hochgearbeitet hatte und Elisabeth und ihre Schwestern das Gymnasium in der Stadt besuchten, schlug das Ressentiment der DorfbewohnerInnen in Neid um. Diese Kindheitserfahrungen sind eines der Motive, weshalb sich Elisabeth Petersen für Menschen einsetzt, die schlecht behandelt werden.

Das Forum für Zeitzeugen

Die Arbeit für das Forum für Zeitzeugen nimmt einen grossen Teil der Zeit in Anspruch, die den beiden neben dem Unterrichten bleibt. Ideen für ReferentInnen haben sie mehr als genug, doch das Organisieren der monatlichen Veranstaltungen verlangt ein professionelles Management: Kontakt mit den Leuten aufnehmen, Vorgespräche führen, ausloten, ob sie sich auch als ReferentInnen eignen, Presseinformationen schreiben, Einladungen verschicken. Oft müssen sich die beiden selber ins Thema einlesen, damit sie das nötige Hintergrundwissen besitzen, um die Veranstaltungen gut zu leiten. "Manchmal erleben wir trotz guter Vorbereitung Überraschungen", sagt Andreas Petersen. Wenn beispielsweise ein Arzt über seine Erfahrungen an der Front berichten sollte und statt dessen in der vollbesetzten Aula während anderthalb Stunden hartnäckig seine Gedichte vorliest.

"Wir verstehen uns aber nicht als ÐGeschichtsvermittlungsinstitutionð, sondern als Ort der Aufklärung. Deshalb wählen wir Themen, die entweder aktuell sind oder über die unserer Ansicht nach zu wenig berichtet wird, beispielsweise über Tschetschenien. Wir möchten, dass die ZuhörerInnen ein Mitgefühl entwickeln für die Menschen und ihr Schicksal. Sie sollen behutsam umgehen mit Vorurteilen und kritisch sein gegenüber Informationen aus den Medien." Die Petersen greifen auch soziale Themen auf, lassen die Aargauer Missionarin Louise Werder über ihre Erfahrungen im Kongo berichten oder laden Martha Gosteli ein, die Gründerin des Archivs zur schweizerischen Geschichte der Frauenbewegung. "Die Leistungen dieser Frauen für die Gesellschaft dürfen im kollektiven Gedächtnis nicht untergehen", sagt Elisabeth Petersen.

Trotz knapper Finanzen gibt es Höhepunkte

Das Forum bekommt wenig finanzielle Unterstützung. Der Kanton Aargau und die Stadt Aarau leisteten einen Beitrag, die Schule stellt die Aula gratis zur Verfügung. "Ich muss sagen, dass meine Schule sehr kooperativ ist und uns Rückhalt gibt, wenn ich wegen einem Projekt mein Pensum zurückschrauben möchte oder aus finanziellen Gründen wieder aufstocken muss", betont Andreas Petersen. Ein Quell der Schaffenskraft sind die verschiedenen Höhepunkte des Forums: Stille Momente, wenn beispielsweise Thomas Bardill, ein Bündner Bergbauer, über seine Arbeit und seinen Alltag erzählt. Andere Veranstaltungen haben eine breite Wirkung wie die Tournee mit der palästinensischen Professorin und Menschenrechtlerin Sumaya Farhat-Naser. Während zwei Wochen berichtete sie in verschiedenen Städten über die traumatisierende Situation in ihrer Heimat Palästina. "Wir besuchen mit unseren Gästen auch Schulen. So haben wir in Schaffhausen bewirkt, dass die SchülerInnen nach der Begegnung mit den beiden tschetschenischen Menschrechtlerinnen Lipkhan Basajewa (Memorial Nasran) und Sainap Gaschajewa (Echo des Krieges) ein Benefizkonzert für Tschetschenien veranstalteten." Sie waren beeindruckt von den authentischen Ausführungen der Zeitzeugen, vertieften sich anschliessend ins Thema oder schrieben gar Maturaarbeiten zu Tschetschenien.

Hilfe zur Selbsthilfe

Durch die engen Kontakte entstehen Freundschaften. Elisabeth Petersen reist immer wieder nach Tschetschenien, besucht Menschen, die trotz Krieg und Elend ihren Alltag meistern. Auf Grund dieser Begegnungen und Interviews wird sie ein Buch schreiben. "Ich frage mich immer wieder, was sinnvolle humanitäre Arbeit ist." Hilfe zur Selbsthilfe sind die beiden Nähateliers, die sie in Grosny und Moskau eingerichtet hat. Um die Nebenkosten möglichst gering zu halten, brachte sie die Nähmaschinen eigenhändig zu den Frauen, die nun in den Ateliers Kleider herstellen und verkaufen können. Hilfe zur Selbsthilfe bieten die Petersen auch tschetschenischen Jugendlichen, die für eine bestimmte Zeit in der Schweiz ihre Ausbildung ergänzen oder beenden können. Mit diesen GastschülerInnen haben sie eine anspruchsvolle und zeitintensive Aufgabe übernommen. Die Jugendlichen bekamen während Jahren keinen richtigen Unterricht und haben es nicht leicht sich in einer fremden Welt zurecht zu finden.

Projekte und Träume

Einer der ersten Zeitzeugen war Erwin Jöris, ein Berliner Kommunist, der 1933 ins Konzentrationslager kam, nach Moskau deportiert wurde, sechs Jahre lang im Zweiten Weltkrieg kämpfte und wie durch ein Wunder die Zeit in den schrecklichen Gefängnissen von Hitler und Stalin überlebte. Andreas Petersen schreibt an einer Biografie über ihn und regte dadurch ehemalige Schüler an, einen Film über den Neunzigjährigen zu drehen. Während zwei Jahren begleitete er die beiden an die verschiedenen Orte der Geschichte, aus den fünfzig Drehstunden entstand ein Dokumentarfilm1, der an den Solothurner Filmtagen, im Zürcher Schiffsbau und in verschiedenen alternativen Kinos gezeigt wurde. "Jetzt will ich die Biografie fertig schreiben. Mein Traum ist, dass das Buch in einem grossen deutschen Verlag herauskommt und in den Buchhandlungen eine breite Leserschaft erreicht."

Elisabeth träumt manchmal davon, dass das Forum für Zeitzeugen ein offizielles Institut mit Infrastruktur und einem gut bemessenen Budget wäre. "Wir hätten keine Existenzprobleme, könnten all unsere Energie für diese Arbeit einsetzen. Ich möchte jedoch nicht die Freiheit aufgeben, die wir jetzt haben, möchte nicht abhängig werden von Geldgebern. So können wir machen, was wir wollen. Wir sind unsere eigene Institution."

1 "Erwin Jöris - Zwischen Hitler und Stalin" (2002), als VHS-Kopie zu beziehen unter apetersen@access.ch für Fr. 45.-.

Der Verein Forum für Zeitzeugen/Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen will Vergangenes wieder lebendig machen, Aktuelles näher bringen, indem er regelmässig in der Alten Kantonsschule Aarau Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Es setzt sich ein für Menschenrechte, Achtung vor der Würde des Menschen und Stärkung der Demokratie. Informationen über alle Veranstaltungen sind abrufbar unter: www.zeitzeugen.ch .