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© Aargauer Zeitung /21.03.2006

Sport Zeitung Zürich

Der Lauf gegen die Vergangenheit

Doping: Die ehemalige DDR-Läuferin Ines Geipel will sich aus der Rekordliste streichen lassen. Mit 17 kam Ines Geipel in den Leistungssport. Wenige Monate später war sie eine der besten Athletinnen der DDR. Dass sie von Anfang an gedopt war, erfuhr sie erst Jahre später. Michael Ehrler.

Die Uhr stoppt bei 42,19. Die Frauen-Staffel des SC Motor Jena gewinnt das Rennen über 4x100 Meter nicht nur überlegen, sondern mit einem sensationellen Weltrekord. Die Zeit, gelaufen an den DDR-Meisterschaften 1984 in Erfurt, ist bis heute von keiner Vereinsstaffel unterboten worden.

Nicht mehr alle der vier Rekordläuferinnen erinnern sich gerne an diese Leistung. Die 45-jährige Ines Geipel hat vom Deutschen Leichtathletikbund verlangt, dass man ihren Namen aus der Rekordliste streicht. Was als kleine Geste gedacht war, wurde zu einem Politikum. Der Verband tat sich mit der Forderung schwer und stellte fest, dass nur der Verein ein entsprechendes Gesuch stellen könne. Zudem verlangte er eine offizielle Erklärung Geipels, dass sie beim Rekordlauf gedopt war.

Geipel hatte im DDR-Sport eine Blitzkarriere absolviert. Bis 17 spielte der Sport eine untergeordnete Rolle. Im abgelegenen Sprachinternat rannte sie zuweilen über die Felder - aus seelischer Not, wie sie sagt: «Ich hoffte, dass die kleine Welt dadurch in Bewegung geriete.» Schliesslich landete sie 1977 doch im Leistungssport, auf «völlig naive Weise», sagt sie heute. Ihr Draufgängertum war gefragt. Sie habe eine Mordsenergie, sei unverbraucht, sagte man ihr. Im Herbst begann ihre Sportkarriere, im Winter wurde sie bereits DDR-Meisterin im Weitsprung. «Ich war im Grunde genommen sofort an der Spitze», sagt Geipel, die damals noch Schmidt hiess.

Der Arzt lachte nur

Sie trainierte und trainierte. Frühmorgens Studium, dann Training, Physiotherapie, Joga, ärztliche Betreuung und Mit tagessen, danach wieder Training, wieder Physiotherapie, Arzt und Essen. Tag für Tag. Als sie den Arzt einmal fragte, was er ihr verabreiche, lachte er nur und meinte, man mache nur das Beste für sie. «Sobald man in diesem Karussell ist, läuft das System gegen einen», sagt Geipel. Sie erhielt von Beginn an leistungsfördernde Substanzen, insbesondere Anabolika. Die Leistungssteigerungen waren ihr nicht verdächtig, kamen ihr persönlich vielmehr entgegen: «Ich wollte mich wehren können. Je mehr Muskeln ich hatte, desto besser konnte ich das.» Was alles mit ihr passiert ist, hat sie über ein Jahrzehnt später erfahren, als die Stasi-Akten öffentlich wurden. «Die Entmündigung, nicht zu wissen, was mit einem passiert ist, empfinde ich als das Kriminelle.»

Nie eine typische Sportlerin

1985 beendete Geipel ihre Sportkarriere, nachdem das Doping ihren Körper völlig ausgemergelt hatte. Boden unter die Füsse bekam sie durch die Literatur, in der sie jene Freiheit fand, die sie vorher im Sport vermisst hatte. «Ich war nie eine typische Sportlerin gewesen, wollte während der Trainingslager in die Oper oder ins Museum.»

Als Professorin für Verssprache und freie Schriftstellerin hat sie heute ein neues Leben. Trotzdem liess sie die Vergangenheit lange nicht los. Sie setzte sich dafür ein, dass die Geschichte ins richtige Licht gerückt wird. So trat sie im Jahr 2000 in einem der spektakulärs ten Doping-Prozesse gegen zwei hochrangige DDR-Trainer als Nebenklägerin an. Sie schrieb Romane zur DDR-Geschichte und griff 2001 im Buch «Verlorene Spiele - Journal eines Doping-Prozesses» ihre eigene Erfahrung noch einmal auf. Jetzt merke sie langsam, dass sie frei sei, ihre eigenen Stoffe zu suchen. Ihr nächster Roman handelt vom Fliegen, Ausdruck dieser neuen Freiheit.

Gleichwohl tritt sie noch immer an Veranstaltungen auf, um über das Doping-System der DDR zu sprechen - so wie kürzlich im Rahmen des Forums für Zeitzeugen in Aarau. Die Giftmischer von damals seien nicht verschwunden. Das System habe sich weltweit perfekt verstrahlt, sagt Geipel.

Als Beleg für das Ausmass des Dopings nennt sie die Umsatzzahlen des Medikaments Epo. Nur 1,6 Milliarden komme von den Nierenkranken, für die das Medikament gemacht wird. «Es ist zu befürchten, dass im Elitesport in den vorderen Rängen nur sehr wenige ohne solche Sachen auskommen», stellt Geipel fest. Im Vergleich zu früher sei das Doping aber individueller geworden.

Mit dem Tod bezahlen

Noch mehr als damals setzten die Sportler die Gesundheit aufs Spiel, weil sich die heutigen Dopingmittel nicht mehr abstellen lassen. Sie rechnet deshalb damit, dass viele Sportler dies mit einem frühzeitigen Tod bezahlen werden. Trotzdem glaubt sie nach wie vor an die Möglichkeit von dopingfreiem Sport. Dazu brauche es aber den nötigen Willen. «Solange der nicht vorhanden ist, geht es nicht.»