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Vergesst Tschetschenien nicht!

Originale (21) – Christen müssen keine «grauen Mäuse» sein. Im Garten Gottes gibt es zahlreiche Persönlichkeiten, die Farbe in die Kirche bringen. Elisabeth Petersen gehört zu den wenigen in der Schweiz, welche die Situation in Tschetschenien aus nächster Nähe kennen.

Von Christine Voss

Bücher an den Wänden, Bücher im Gang – die Wohnung im Zürcher Hochschulquartier strahlt eine Atmosphäre von Arbeit und breitem Interesse aus. Elisabeth Petersen kramt in Papierbergen und sucht nach Berichten und Zeitungsartikeln. «Eigentlich brauchte ich eine Sekretärin», schmunzelt sie. Nicht für ihre Arbeit als Juristin und Berufsschullehrerin, sondern für ihr persönliches Engagement, das fast ihre gesamte Freizeit ausfüllt: der Einsatz für Tschetschenien.

Wer bisher kritisierte, dass sich niemand für Tschetschenien interessiere, sieht sich bei Elisabeth Petersen eines anderen belehrt: Es gibt sie, die Unterstützungsgruppe für ein fast vergessenes Land. Allerdings erhält sie wenig Resonanz, wie Petersen immer wieder schmerzhaft erfährt: «Als ich vor einem Monat von meiner letzten Tschetschenien-Reise zurückkehrte, bot ich verschiedenen Zeitungen einen Bericht an. Die Antwort: Das sei doch langsam ‹kalter Kaffee›, schliesslich sei der Krieg jetzt zu Ende.» Elisabeth Petersen weiss, wie dramatisch die Lebensumstände für die Bevölkerung dennoch sind. Weil die Besatzungsmacht Russland die Konfliktgebiete für Journalisten weitgehend gesperrt hat, reist sie verkleidet und mit Hilfe von Einheimischen auch dorthin, wo sonst kaum jemand hinkommt. Dabei ist sie getragen von der Hoffnung, mit ihren Berichten den Westen für die Tragödie in Tschetschenien aufrütteln zu können. Froh ist die Juristin darüber, dass die Kirchen ihr immer wieder eine Plattform für Vorträge, Mitwirkung an Gottesdiensten oder Sammelaktionen geben.

Chance für Jugendliche

«Am Anfang stand eigentlich nicht Tschetschenien, sondern das ‹Forum für Zeitzeugen gegen Gleichgültigkeit und Vergessen›», erzählt Elisabeth Petersen. Zusammen mit ihrem Mann, der als Geschichtslehrer an der Kantonsschule Aarau arbeitet, gründete sie den Verein mit dem selbst-redenden Namen. Etwa einmal pro Monat findet im Namen dieses Vereins ein Vortrag in der «Alten Kantonsschule Aarau» statt. «Wir suchen für die Vorträge Menschen, die durch ihre Lebensgeschichte vor allem auch bei den Schülerinnen und Schülern etwas auslösen können an Interesse für die Welt, für positive Werte, für Mitmenschlichkeit. In diesem Alter braucht man Vorbilder», sagt Petersen.

Es war im Rahmen dieser Vorträge, dass Elisabeth Petersen die beiden tschetschenischen Menschenrechtskämpferinnen Lipchan Basajewa und Sainap Gaschajewa kennen lernte. «Wer ihnen zuhörte, konnte die Realität der barbarisch durchgeführten Besetzung Tschetscheniens nicht mehr so schnell vergessen», sagt Petersen. Sie organisierte für die beiden eine Vortragsreise durch die Schweiz. Es entstanden Ideen für Projekte, die der leidenden Bevölkerung einen kleinen Hoffnungsschimmer bieten sollten: ein Waisenhaus, eine Schule, ein Nähatelier für junge Frauen. Alles Tropfen auf den heissen Stein, «aber wenn man die strahlenden Gesichter der Jugendlichen sieht, die dort zumindest ein Minimum an Ausbildung machen können, weiss man, dass es sich lohnt». In diesem Zusammenhang reiste Petersen denn auch zum ersten Mal selber nach Tschetschenien.

Verschwiegener Genozid

Selber ging die Juristin durch das völlig zerbombte Grosny, wo die Menschen sich in den Schutthaufen wie in Mauselöchern eingenistet haben, wo täglich Leichen- teile auf den Strassen liegen und des Nachts russische Soldaten die Ruinen durchkämmen, um junge Männer abzuführen oder gleich umzubringen. Kaum eine Familie, die nicht Tote zu beklagen hätte. «Man sagt, der Krieg sei vorbei und die Bevölkerung aus den Flüchtlingslagern zurückgekehrt», erzählt Petersen. Doch Tatsache sei, dass nur 30 Prozent dies gewagt hätten. Die Mehrheit hause im benachbarten Iguschetien in Zelten und Ställen verlassener Kolchosen. Dass in Tschetschenien seit mehr als einem halben Jahrhundert ein regelrechter Genozid stattfinde, sei kaum bekannt. Denn der Konflikt begann bereits mit Stalin, der das freiheitsliebende Volk gesamthaft nach Sibirien deportieren liess. Nach Stalins Tod durfte es zwar zurückkehren, aber dass die Tschetschenen seither erst recht für ihre Unabhängigkeit kämpfen, weckt bis heute die grundsätzliche Aggression Moskaus.

Wie ist es auszuhalten, dies alles aus der Nähe mitzuerleben? «Krieg ist für mich ein Lebensthema», antwortet Elisabeth Petersen. Sie selber hat den 2. Weltkrieg zwar nicht miterlebt. Aber ihre Eltern, die damals aus Schlesien nach Bayern flohen und dort nur mit Misstrauen aufgenommen wurden. «Ich erinnere mich noch an meine Kinderzeit, als man uns ‹Polaken› oder ‹Zigeuner› nachrief. Wir waren Fremde im eigenen Land.» Das tiefe Verständnis für die Probleme von Flucht und Entwurzelung ist es denn auch, was Petersen mit den Menschen in Tschetschenien verbindet. «Ich selber konnte trotz allem die Schule besuchen, ein Studium machen, eine Existenz aufbauen. Solche Privilegien verpflichten. Deshalb will ich davon so viel wie möglich weitergeben.» Und hier wird für sie auch das Christsein konkret: «Es stellt die Versöhnung in den Vordergrund. Das bleibt als Hoffnung in einer Situation, die sonst ausweglos erscheint.»

«Forum für Zeitzeugen gegen Gleichgültigkeit und Vergessen»,
Telefon 01 362 17 65,.

Politischer Abendgottesdienst mit E. Peterson:
11.6., 18.30 Uhr,
Helferei Grossmünster, Zürich.

www.zeitzeugen.ch