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Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2005

Zürich und Region

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In Zürich getroffen: Apti Bisultanow - Der Klang Tschetscheniens

Als 1979 der tschetschenische Dichterkreis «Prometheus» um Musa Beksultanow und Letscha Abdullajew verboten wurde, war Apti Bisultanow, der damals schon Verse schmiedete, gerade 20 Jahre alt. Er blieb Poet, wurde aber auch Lehrer und Redaktor. Und er erhielt 1992 - während der kurzen Zeit der (einseitig erklärten) Unabhängigkeit seiner Heimat - den tschetschenischen Nationalpreis. Doch dann folgten die Kriege. Und im zweiten Tschetschenienkrieg war er Partisan, konnte nicht passiv zusehen, wie sein Volk ausgelöscht wurde. Eine Lesereise führte Apti Bisultanow nach Zürich, wo er in der Helferei das Publikum vor allem mit dem Klang seiner Muttersprache begeisterte, in der er seine Gedichte kehlig und melodiös vortrug. «Heiserer Habicht, wie bist Du mir gleich - Ungehört von Gott Dein zielloser Schrei», so lautet eine seiner poetischen Fügungen in der Übersetzung von Ekkehard Maas. Und dass Apti hier von sich spricht, ist klar. Seit gut zwei Jahren lebt der 1959 im tschetschenischen Dorf Goitschu geborene Poet als Flüchtling in Deutschland (NZZ 18. 9. 04). Seine älteren Geschwister waren noch im mittelasiatischen Exil zur Welt gekommen, wohin Stalin das gesamte Volk 1944 hatte deportieren lassen. Erst Chruschtschews Tauwetter liess zu, dass es 1957 in die nordkaukasische Heimat zurückkehrte.

Zurzeit bietet dem leidenschaftlichen Poeten eine unlängst in Leipzig eröffnete Abteilung des Max-Planck-Institutes die Möglichkeit, sein Exil zu verlängern und an einer Anthologie tschetschenischer Volksliteratur zu arbeiten. Er sammelt Gesänge, Sagen und Dichtungen, die in den vergangenen 200 Jahren vorwiegend mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden und an deren Genres sich auch die heutigen Poeten anlehnen. Sein Werk ist eine Rettungsarbeit, denn der Krieg der Russen ist auch ein Angriff auf die eigenständige tschetschenische Kultur. Russland führe einen Vernichtungszug fort, den das Zarenreich bereits vor 200 Jahren unter dem berüchtigten General Jermolow initiiert hatte.

Schon als Kind las Apti die Zeichen des Kolonialismus in seiner Heimat. Ein Jermolow-Denkmal - von Soldaten bewacht - stand während der ganzen Sowjetzeit auf dem Hauptplatz von Grosny. Ein Zitat des Anführers der zaristischen Invasionstruppen, auf einer Eisenplatte verewigt, bezeichnete das tschetschenische Volk als das hinterhältigste unter der Sonne. Nicht von ungefähr hänge in Putins Arbeitszimmer ein Porträt des russischen Generals, der im Kaukasus vor 200 Jahren Angst und Schrecken verbreitete.

Der Blick der Kolonialisten setze sich, bedauert Bisultanow, auch bei jenen durch, die Sympathie für das Los seines Volkes zeigten. Selbst die mutige russische Journalistin Anna Politowskaja nennt ihr Buch die «Tragödie von Komsomolsk», dabei gehe es um sein Heimatdorf Goitschu, das im März 2000 mit seinen 5600 Bewohnern dem Erdboden gleichgemacht wurde. Russland führe, so diagnostiziert der Poet, um die 17 000 Quadratkilometer Tschetschenien einen Stellvertreterkrieg. Bush habe Putin das kleine Volk überlassen wie dem Hund den Knochen. Denn die USA kontrollierten heute Georgien und Aserbeidschan, Russland musste bereits aus dem Kaukasus und aus Mittelasien weichen. Der Verlust der imperialen Machtfülle werde jetzt mit der Vernichtung der Tschetschenen kompensiert.

Heute leben gegen 50 000 Tschetschenen, zumeist als Flüchtlinge, in Westeuropa. Alle, auch die vielen Schulkinder, die sich begierig Wissen aneignen und daneben die Muttersprache weiterhin pflegen, wollten zurück in die Heimat, sobald diese wieder bewohnbar sei. Derweil engagiert sich Apti mit seinem Anthologie-Projekt für die Rettung des kulturellen Gedächtnisses. Die heute in Tschetschenien lebenden Poeten hätten keine Publikationsmöglichkeit mehr. Zur Sowjetzeit hatte es eine Zeitschrift gegeben, obwohl schon damals die lokale Literatur in Bedrängnis war. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bediente sich das Tschetschenische noch der arabischen Schrift, dann wurde von der jungen Sowjetmacht zuerst das lateinische, später das kyrillische Alphabet verordnet, obwohl für manche tschetschenischen Laute kein entsprechender Buchstabe existiert. Auch die Ortsnamen wurden russifiziert. 1992 führten die tschetschenische Behörden wieder die lateinische Schrift ein, gaben den Dörfern die ursprünglichen Namen zurück. Mit dem 1994 begonnenen kaukasischen Krieg machten die Russen das wieder rückgängig. Auch Apti schreibt kyrillisch, damit man ihn lesen kann. Grosny («die Bedrohliche») jedoch, eine Gründung General Jermolows, definierten die dort elend in Kellern Hausenden heute zu Recht als Gefahr für die Russen.
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