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Aargauer Zeitung, 01.06.2005 05:34

Der heutige Islam - ein westliches Konstrukt?

Aarau Ein interessanter Vortrag über unser Islambild im Forum für Zeitzeugen


«Bestimmen allein die Muslime den Islam oder die, die über ihn sprechen?» Der Islamwissenschafter Reinhard Schulze von der Universität Bern sprach vor einem breiten Publikum im Forum für Zeitzeugen über das brisante Thema.

Kern des Vortrags war eine Gegenüberstellung der westlichen Themenvorgaben und der damit provozierten Antworten von muslimischer Seite. So ist sich die nichtmuslimische Welt einig in ihrem Urteil der Unterdrückung der Frauen im Islam. Die muslimische Antwort ist vielfältig: vom Schutz der Frauen über soziale und nichtbiologische Rolle bis zur Wahlfreiheit der Frauen. Oder: zum Reizwort «Kopftuch». Bis ins 18. Jahrhundert gibt es in den Schriften keine Auskunft darüber. Nichtmuslime sind sich einig, dass das Kopftuch die Frau erniedrige.

Religion und keine Politik

Das Meinungsspektrum von muslimischer Seite geht von der Überflüssigkeit bis zum Schutz vor dem Manne. Ähnliches beschrieb Schulze für Fragen der Politik, Aufklärung und Scharia. Viele der Fragen seien nicht zentral im Islam. Die Muslime müssten nun aber in einer globalen Diskussion und Situation auf diese Fragen antworten und so in Reaktion auf den Westen «ihren» Islam definieren.
Zur in der Diskussion aufgeworfenen Frage nach dem Verhältnis von Demokratie und Islam führte Professor Schulze aus, dass der Islam eine Religion sei und - ebenso wie Christentum und Judentum - nicht den Auftrag habe, politische Ordnungen zu schaffen. Die gebe sich die Gesellschaft selbst, die Religion nur das ethische Fundament. Zum Thema Radikalisierung sprach er von einer «verlorenen Generation» der heute 25-jährigen Dschihadis. Sie hätten von ihren Eltern keine Antworten auf ihre religiösen Fragen erhalten und ihren eigenen Weg gesucht.

PauschaleVorstellungen

Zum Schluss lieferte Schulze einen Abriss der pauschalen Vorstellungen aus muslimischer Sicht, wie es mit der westlichen Welt bestellt sei - besser lässt sich wohl kaum das Groteske der (eigenen) kulturellen Klischees deutlich machen.